Im Brennpunkt: Musikvermittlung
Projekt-Dokumentationen im Internet
von Stefan Drees
Seit geraumer Zeit wird die Diskussion über Sinn, Wesen und Ziel der Musikvermittlung mit zunehmender Vehemenz geführt. Artikel im Feuilleton großer Zeitungen und Buchpublikationen widmen sich der Problematik, in Internetforen oder Blogs sowie auf Tagungen werden gegenwärtige Entwicklungen des Konzertbetriebs analysiert und die Möglichkeiten einer zielgruppenspezifischen Hinführung vor allem des jungen Publikums zur Musik debattiert. So vielfältig wie die einzelnen Stimmen und Ansätze, die sich in diesem umfassenden und mittlerweile doch schwer überschaubaren Vermittlungs-Diskurs zu Wort melden, sind auch die damit verbundenen Konzeptionen und Anforderungen.
Im Internet finden sich hierzu die unterschiedlichsten Angebote, die von der mehr oder weniger ausführlichen Dokumentation einzelner Projekte über den Versuch einer wissenschaftlichen Annäherung bis hin zu konkreten Beispielen für die praktische Arbeit, etwa bei der Vermittlung zeitgenössischer Musik, in der Schule reichen. Nachdem die «interaktive Lernplattform» der musicademy mit ihrem permanent erweiterten Angebot an Unterrichtsmaterialien und Praxisbeispielen zur zeitgenössischen Musik bereits vor einiger Zeit Thema eines ausführlichen Beitrags in dieser Zeitschrift gewesen ist, befasst sich der folgende Text vorwiegend mit den Bereichen Dokumentation und Reflexion und stützt sich dabei auf zwei gewichtige Beispiele.
Suche nach Qualitätskriterien
Dass Musikvermittlung «mittlerweile ein fester Bestandteil des europäischen und internationalen Konzertlebens» ist, «inszenierte Konzerte für Kinder, Workshopreihen mit Musikern oder Patenschaften mit Bildungseinrichtungen […] sich an Orchestern und Konzerthäusern» etablieren und damit «einen neuen Anspruch seitens der Kulturinstitutionen» formulieren, «Verantwortung für die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen zu übernehmen», war Ausgangspunkt für die von der Stiftung Mozarteum Salzburg und der Robert-Bosch-Stiftung initiierte Studie Exchange. Die Kunst, Musik zu vermitteln, deren Ergebnisse auch auf einer eigens eingerichteten Internetseite einseh- und abrufbar sind. Zum Umfang dieser Dokumentation gehört einerseits die Möglichkeit des Zugangs zur kompletten Studie, erhältlich im PDF-Format über einen Download-Link (oder alternativ als kostenlose Printversion inklusive DVD, bestellbar über ein Online-Formular), andererseits aber auch der Einblick in die einzelnen untersuchten Projekte (Rubrik «Praxisbeispiele»), deren inhaltliche Bandbreite und pädagogisch-künstlerischer Anspruch in kurzen Filmen umrissen werden. Die Wahl von fünf stark differierenden Konzeptionen mit unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen, lokalisiert in drei europäischen Staaten, zeigt, wie vielfältig Vermittlungsprojekte je nach Art von Zielgruppen oder selbst gesetztem Projektziel sein können und welche Wege dabei gegangen werden, um – im Sinn eines kreativen Prozesses – eine möglichst große Abstimmung der vermittelnden Tätigkeit auf die Bedürfnisse der Zuhörer oder Teilnehmer zu gewährleisten:
- So initiierte das Royal Scottish National Orchestra im Frühjahr 2010 im Rahmen der Projektwoche «Out & About» Begegnungen mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, in deren Rahmen die Musiker in Gruppen zu je drei Personen Kinderkrankenhäuser, Altersheime, Jugendzentren und Schulen besuchten und an diesen Orten unter Verwendung verschiedener Musikarten «auf musikalische und menschliche Art und Weise Kontakt zur Bevölkerung» knüpften.
- Ganz anders dagegen war das handlungsorientierte Projekt mit dem Titel «Eine Tüte Klang» ausgerichtet, bei dem Musiker des Ensembles musikFabrik und die KölnerKinderUni über einen Zeitraum von sechs Monaten Kindern ab acht Jahren anhand einer ebenso spielerischen wie praxisnahen Einführung in die Musik Karlheinz Stockhausens die Grundlagen von elektronischer Klangerzeugung, musikalischem Sampling und Reihentechnik vermittelten.
- Um die Integration von Alltagskultur, zeitgenössischer afrikanischer Musik sowie Rhythmus und Bewegung ging es hingegen beim interkulturellen Projekt «Afrika kommt!», das im Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever, geprägt durch einen hohen Anteil an Migranten aus Ghana, von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und der Gesamtschule Bremen-Ost durchgeführt wurde.
- An die bislang eher wenig bedachte Zielgruppe der Eltern mit Kleinkindern im Alter von bis zu drei Jahren richtet sich hingegen die von der Stiftung Mozarteum initiierte Konzertreihe «Mittendrin», deren spezifisches Konzertformat mit fünf Konzerten pro Saison einen großen Anteil an Mitmach-Elementen wie Singen und Bewegen beinhaltet und so konzipiert ist, dass es im Anschluss daran «für alle weitere[n] Altersstufen in jeweils altersgerechter Inszenierung und Dramaturgie» weitergeführt werden kann.
- Dem Gedanken einer «klingenden Konzerteinführung» verpflichtet war schließlich das über einen Zeitraum von drei Monaten reichende Projekt «Tschaikowsky’s Last Waltz», bei dem Jugendliche der achten und neunten Klassenstufe gemeinsam mit den Wiener Phiharmonikern und einem Choreografen durch Verknüpfung der Komponenten Tanz, Text und Musik auf Basis biografischer Dokumente, musikalischer Momente und tänzerischer Bewegungsverläufe ein «interdisziplinäres Gesamtkunstvermittlungsprojekt» zur sechsten Sinfonie von Peter Tschaikowsky erarbeiteten, das den Konzertbesuchern eine Stunde vor dem Konzert präsentiert wurde.
Diese auf der Internetseite nur kurz, im Text der Studie jedoch ausführlicher dargestellten Projekte dienen den Initiatioren als richtungsweisende Beispiele für gelungene und differenziert erarbeitete Vermittlungsansätze mit nachhaltiger Wirkung. Um deren qualitative Aspekte nachvollziehbar zu machen, wurde zudem, das eigentliche Anliegen der Studie markierend, anhand der «Erfahrungen und Lernprozesse von 40 Interviewpartnern» eine Art Qualitätsleitfaden für Musikvermittlung erarbeitet, der in Form eines Fragebogens zur Selbstevaluierung als Grundlage für Qualitätsdiskussionen innerhalb musikvermittelnder Institutionen sowie als Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Projekte genutzt werden kann, um so letzten Endes einen Beitrag dazu zu leisten, «die Qualität von Projekten der Musikvermittlung zu verbessern und die Diskussion darüber zu vertiefen».
Ausgangspunkt Klaviermusik
Sehr stark um Musikvermittlung bemüht ist seit einigen Jahren auch das renommierte Klavier-Festival Ruhr, dessen Internetauftritt die entsprechenden Aktivitäten im insgesamt etwas unübersichtlich gestalteten Bereich «Education» in Wort und Video dokumentiert. Naturgemäß steht dabei das Klavier im Mittelpunkt des Interesses, möchte man mit dem eigens durchgeführten Bildungs- und Förderprogramm doch «Menschen unterschiedlichen Alters für die Welt des Klaviers begeistern und sie zu einer aktiven Beschäftigung mit Musik anregen». Das Spektrum der Aktivitäten, das einerseits von bedeutenden «Festival-Pianisten» wie beispielsweise Pierre-Laurent Aimard, andererseits aber auch von Kultur- und Bildungseinrichtungen aus dem gesamten Ruhrgebiet unterstützt wird, reicht dabei «von der frühkindlichen musischen Bildung über kreative Projekte für Kinder und Jugendliche, Familienkonzerte und Weiterbildungsangebote für Lehrer bis zu nachhaltigen Fördermaßnahmen für den pianistischen Nachwuchs», erstreckt sich damit also auf viele verschiedene Alters- und Interessengruppen.
In einer ganzen Reihe von Einführungstexten, Videos und Bildergalerien erfährt man auf diese Weise viel über das Projekt «Spielplatz Klavier – Little Piano School», das, auf der Arbeit der Little Piano School von Kim Monika Wright gründend, seit 2006 als «Experiment mit offenem Ausgang» die spielerische Beschäftigung kleiner Kinder mit Musik und damit den Bereich der frühkindlichen Musikerziehung gezielt in den Mittelpunkt rückt. In den «Discovery»-Projekten wiederum, in der Regel über mehrere Monate hinweg mit Schülerinnen und Schülern aus diversen Schulen der Region durchgeführt und meist in engem Zusammenhang mit einem bestimmten musikalischen Werk stehend, sollen Kinder und Jugendliche dabei unterstützt werden, selbst schöpferisch tätig zu werden, um die thematisierte Komposition durch die eigene praktische Tätigkeit zu «entdecken». Entsprechend dieser Aufgabenstellung mündet jedes der Projekte in eine Aufführung, bei der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Ergebnisse ihrer Arbeit öffentlich präsentieren. Einen Teil der in den vergangenen Jahren durchgeführten Projekte hat man unter der Rubrik «Projekt-Archiv» ausführlich mit kurzen Texteinführungen und Videos dokumentiert, beispielsweise das 2009 durchgeführte Projekt «Játékok – Spiele», das sich mit György Kurtágs gleichnamiger, teils pädagogisch motivierter Sammlung von Klavierstücken befasste.
Ein besonderer Schwerpunkt der Internetseite liegt auf der Darstellung des 2010 durchgeführten Projekts «Piano Book»: Die Idee, in einem neuartigen Format die Aspekte Komponieren, Musizieren, Hören und Vermitteln möglichst eng miteinander zu verklammern und damit den Blick auf die Klaviermusik der Gegenwart zu richten, diente hierbei als gedanklicher Ausgangspunkt für eine Reihe von Kompositionsaufträgen. Acht Komponisten aus mehreren europäischen Ländern – Luke Bedford, George Benjamin, Johannes Boris Borowski, York Höller, Hanspeter Kyburz, Olav Lervik, Vassos Nicolaou und Marco Stroppa – schufen zu diesem Zweck jeweils zwei Klavierstücke, die bestimmten Rahmenbedingungen gehorchten: nämlich ein Stück für Klavier zu zwei Händen mit nicht näher definiertem Schwierigkeitsgrad sowie ein vierhändiges Stück, das für das gemeinsame Spiel von Lehrer und Schüler gedacht und daher so beschaffen sein sollte, «dass eine Partie von einem Klavierschüler übernommen werden kann, dessen pianistische Fähigkeiten noch nicht so weit entwickelt sind». Während sich, aufbauend auf dieser Aufgabenstellung, die praktische Seite des Projekts während einer Workshop-Phase der Einstudierung und Vermittlung der in Auftrag gegebenen Kompositionen widmete, um sie anschließend innerhalb eines Konzerts zur Aufführung zu bringen, wurde mit den Kompositionsaufträgen zugleich der Grundstein für die Entstehung einer instruktiven Sammlung von Klavierstücken angestrebt, die nicht nur einer dauerhaften Erweiterung des Repertoires dient, sondern zugleich Klavierschülern die Möglichkeit eröffnen soll, «gemeinsam mit ihren Lehrern oder anderen fortgeschrittenen Pianisten unterschiedliche Formen der zeitgenössischen Musik zu entdecken». Als Klavier-Festival Ruhr Bärenreiter Piano Album sind die zwei- und vierhändigen Stücke seit Anfang 2011 im Notenhandel erhältlich und gleichfalls auf der Website erschlossen: Sechs der beteiligten Komponisten geben in kurzen Videointerviews Auskunft über ihre Kompositionen und sprechen in diesem Zusammenhang auch über ihre eigene Ausbildung oder ihre künstlerische Motivation, wodurch über den Notentext und seine Verwendung in der Praxis hinaus ein Gesamtbild entsteht, das auf ein umfassendes Verständnis von Musik und musikalischer Produktion abzielt. Projekte wie dieses zeigen letzten Endes, welches Potenzial einer geschickt durchgeführten Vermittlungsarbeit innewohnt und wie sich dadurch ein neues, speziell auf jüngere Zielgruppen zugeschnittenes Repertoire initiieren, erarbeiten und verbreiten lässt. Darüber hinaus kann die daran geknüpfte Dokumentation in Wort, Ton und Bild Impulse für weitere ähnlich gelagerte Unternehmungen bieten.
Literatur
Stefan Drees: «Wege zum Umgang mit Neuer Musik. Die Internetplattform Abenteuer Neue Musik als Dokumentation und Materialfundus», in: Neue Zeitschrift für Musik 5/2009, S. 70f.
Constanze Wimmer: Exchange. Die Kunst, Musik zu vermitteln. Qualitäten in der Musikvermittlung und Konzertpädagogik, hg. von der Stiftung Mozarteum Salzburg, Salzburg 2010, S. 10.
Klavier-Festival Ruhr Bärenreiter Piano Album, hg. von Tobias Bleek und Michael Töpel, Kassel 2011.
