Dem polnischen Musikleben auf der Spur
Internetadressen zu Komponisten und Musikgeschichte
von Stefan Drees
Im Internet gezielt nach Informationen über polnische Musik zu suchen, ohne dabei auf die häufig doch eher zweifelhafte Qualität von Foren wie dem deutschsprachigen Internetlexikon Wikipedia angewiesen zu sein, ist eine Aufgabe, die allzu oft an der bestehenden Sprachbarriere scheitert. Dennoch gibt es mehrere empfehlenswerte Anlaufstellen, anhand derer sich der Internetnutzer, der nicht des Polnischen mächtig ist, sowohl über wichtige Grundzüge historischer Entwicklungen wie auch über aktuelle Aspekte des Musiklebens unseres östlichen Nachbarn belehren lassen kann.
Als vielseitigste und umfassendste Informationsplattform erweist sich sicherlich die Netzseite des Polish Music Information Centre (Polskie Centrum Informacji Muzycnzej, www.polmic.pl) in Warschau, die ähnlich dem Musikinformationszentrum des Deutschen Musikrats (www.miz.org) strukturiert ist und auch vergleichbare Ziele verfolgt. In polnischer, zum Teil aber auch in englischer Sprache sind hier unterschiedlichste Grundinformationen abrufbar, darunter, zugänglich über den Link «Composers», eine extensive, alphabetisch angeordnete Komponistenenzyklopädie mit Biografien, Werkverzeichnissen und Bibliografien – Daten und Texte also, die jedoch leider (noch) nicht für alle aufgeführten Personen ins Englische übertragen worden sind.
Besonders positiv ist die Möglichkeit, von diesen Textbeständen aus über Hyperlinks vereinzelte Werkkommentare einführenden Charakters anwählen zu können, allesamt zu Kompositionen, die auf Festivals wie dem «Warschauer Herbst» aufgeführt wurden oder anderweitig einen besonderen Stellenwert in der polnischen Musikhistorie zugewiesen bekommen. Die hierdurch in den Fokus gerückten Arbeiten sind, in ihrer Gesamtheit einen durchaus repräsentativen Querschnitt über das Schaffen polnischer Komponisten vor allem des 20. Jahrhunderts vermittelnd, von der Hauptseite aus auch direkt über die Rubrik «Works» und den dort abrufbaren, alphabetisch nach Komponisten geordneten Index erreichbar. Bedauerlicherweise fehlen aber auch in Bezug auf diese Werkdarstellungen vielfach die englischen Übersetzungen, so dass man sich oftmals mit der kleinformatigen und kaum irgendwelche Details enthüllenden Abbildung einer Partiturseite begnügen muss. Vergleichbar mit diesem Verzeichnis enthält die Rubrik «Performers» einen Interpreten-Index, der zu den leider gleichfalls nur auf Polnisch zugänglichen Biografien von Interpretinnen und Interpreten führt. Ebenso lassen sich daneben Informationen zu Orchestern, Ensembles und Chören, aber auch zu wichtigen Institutionen, Festivals, Rundfunkstationen, Musikverlagen und Bibliotheken auf ähnliche Weise über Listen oder alternativ via globaler Suche über das Suchfeld erschließen. Über die angezeigten Links wird man zu den Websites der entsprechenden Organisation geführt, wo man gegebenenfalls weiterreichende Auskünfte finden kann.
Darüber hinaus empfiehlt sich noch der Blick in die Abteilung «About Polish Music», die eine relativ knappe, nach Epochen gegliederte Einführung in die polnische Musikgeschichte enthält. Neben einer kurzen Beleuchtung der Anfänge im Mittelalter sowie einigen Notizen zur polnischen Barockmusik und zur Entwicklung der Oper in Polen wird vor allem auf Musikerpersönlichkeiten aus dem 19. Jahrhundert – Fryderyk Chopin, Stanisław Moniuszko und Henryk Wieniawski – sowie auf prägende Gestalten für die musikhistorischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts – Mieczysław Karłowicz und Karol Szymanowsky – fokussiert. Für einige Nutzer dürfte schließlich auch die Rubrik «Our Projects» von Interesse sein, da sie einen Report zum Musikmarkt in Polen enthält (als Dokument im PDF-Format verfügbar), der u. a. über die Vermarktungsstrukturen und Produktionsverhältnisse verschiedener Musikrichtungen Auskunft gibt und die Arbeit wichtiger Labels kurz charakterisiert.
Kunst und Wissenschaft
Eine sehr gute Alternative zur Seite des Polish Music Information Centre bietet die Plattform Polish Culture (www.culture.pl/), auf der – in entsprechenden Rubriken angeordnet – Informationen zu Musik, Literatur, Bildender Kunst, Film und Theater miteinander verknüpft sind. Auch wenn hier in Bezug auf das Musikleben keine erschöpfende Informationsvielfalt erreicht wird, bieten die zugänglichen Beiträge zur Musik – zum Teil sogar aus dem Fundus des Polish Music Information Centre stammend –, den großen Vorteil, zumindest immer in englischer, in vielen Fällen aber auch in deutscher Sprache verfügbar zu sein. Ob die relevanten Informationen hier gefunden werden können, lässt sich rasch über die Suchmaske auf der Hauptseite herausfinden. Aber auch für den nicht gezielt Suchenden hat die Seite einiges zu bieten, so vor allem die (mit zahlreichen Querverweisen zu weiteren Quellen versehenen) Texte von Andrzej Chłopecki («Die zeitgenössische polnische Musik»), Małgorzata Komorowska («Die zeitgenössische polnische Oper»), Zbigniew Skowron («Witold Lutosławski – ein Klassiker der Musik des 20. Jahrhunderts»), Tomasz Szachowski («Polnischer Jazz») und Tadeusz Andrzej Zieli´nski («Fryderyk Chopin: Facetten eines Genies»), die im Bereich «Essays» abgelegt sind und sich ausführlich mit ganz verschiedenen Facetten der polnischen Musik befassen.
Eine Internetressource mit wissenschaftlichem Anspruch ist das Polish Music Journal (www.usc.edu/dept/polish_music/ PMJ/), eine zitierfähige Online-Zeitschrift, die seit 1998 vom Polish Music Center an der Flora L. Thornton School of Music der University of Southern California in Los Angeles herausgegeben wird. Die Beiträge der im Netz zugänglichen Ausgaben, über den Link «Archives» erreichbar und leider nur die Jahrgänge bis 2003 umfassend, gehen das Thema weitaus breiter an als die oben besprochenen Seiten: Der Begriff «polnische Musik» bezieht sich hier zunächst einmal auf die Musik polnischer Komponisten, die sowohl innerhalb der Landesgrenzen als auch außerhalb der Heimat tätig sind und waren, berücksichtigt aber darüber hinaus auch das Schaffen von Angehörigen ethnischer Minderheiten innerhalb Polens. Da die ausführlich mit Partiturbeispielen und Illustrationen versehenen Beiträge ausnahmslos in englischer Sprache publiziert sind, liefert die Zeitschrift einen wichtigen Beitrag dazu, den Graben zwischen der polnischen Musikwissenschaft, deren Autoren – vom Westen oft viel zu wenig beachtet – ausschließlich in ihrer Muttersprache publizieren, und dem englischsprachigen Bereich zu überbrücken.
Neben dem Polish Music Journal bietet das federführende Polish Music Center (www.usc.edu/dept/polish_music/) noch eine ganze Reihe weiterer Hintergründe zur polnischen Musik an. Als besonders informativ erweist sich eine Liste mit ausgewählten polnischen Komponisten vom Barock bis zur Gegenwart, die über die Rubrik «Composers» zugänglich ist. Leben und Schaffen der einzelnen Persönlichkeiten wird hier in Wort und Bild kurz charakterisiert, versehen mit ausführlichen Werkverzeichnissen und zudem ergänzt um diskografische Angaben. Die Rubrik «Essays» beinhaltet einige substanzielle Aufsätze, die sich mit verschiedenen Themenstellungen befassen, darunter sehr empfehlenswerte Arbeiten wie der mit Klangbeispielen versehene Überblick «The Briefest History of Polish Music» von Maria Anna Harley, der lesenswerte Entwurf einer «History of Woman Composers in Poland» von Wanda Wilk, eine Studie über polnische Tanzorchester in den USA von Barbara Zakrzewska oder einen von Maja Trochimeczyk verfassten Essay über die Geschichte der unterschiedlichen polnischen Nationalhymnen. Und die Rubrik «Directory» listet schließlich u. a. Verzeichnisse polnischer Buch- und Musikverlage samt dazugehöriger Kontaktinformationen und rundet damit das Informationsspektrum des Polish Music Center ab.
Der Beitrag erschien zuerst in Neue Zeitschrift für Musik Ausgabe 6/2009.



