Tiefe Einblicke
Partiturautografe, Skizzen, Briefe und Erstdrucke im Internet
Von Stefan Drees
Die Aktivitäten des in dieser Zeitschrift bereits ausführlich vorgestellten Arnold Schönberg Centers Wien, das unlängst damit begonnen hat, die gesamten Arbeiten seines Namenspatrons inklusive der hoch aufgelösten Musikautografen in einer Quellendatenbank im Netz verfügbar zu machen, um so die kreativen Verzahnungen zwischen den Feldern Komposition und Theorie, Philosophie und Literatur, bildnerischer Kunst und Design darzustellen, sind in Anspruch wie Realisierung diesbezüglich vorbildlich.
Beethoven
Doch auch andere Institutionen setzen mittlerweile auf die Digitalisierung und ermöglichen damit einen leichten Zugang zu Materialien, die vor noch nicht allzu langer Zeit allein dem Besucher von Bibliotheken und Archiven zugänglich waren. Lohnenswert ist in dieser Hinsicht die Website des Beethoven-Hauses Bonn, die neben dem populären Informationsangebot für «Beethoven-Fans» und einer liebevoll gestalteten Rubrik zum Thema «Beethoven für Kinder» im Bereich «Wissenschaftler» wichtige Einblicke in gesammelte Quellen vermittelt. Die zentralen Suchfunktionen sind im Bereich «Online-Kataloge» gebündelt: Im Bibliothekskatalog kann komfortabel nach Literatur, gedruckten Noten und audiovisuellen Medien gesucht werden; der Handschriftenkatalog verzeichnet Musikhandschriften, Briefe und andere Schriftdokumente; im Bilderkatalog finden sich Bilder, Plastiken, Musikinstrumente und andere Objekte, und im Pressekatalog sind Artikel aus der Tagespresse zum Thema Beethoven nachgewiesen.
Auch die weniger gezielte Durchsicht von Materialien ist möglich: Der Link «Werke Beethovens im Digitalen Archiv» führt zu einem systematischen Werkverzeichnis, über das die einzelnen Kompositionen angewählt werden können. Für den Nutzer sind dann Erläuterungen zur Entstehung, Klangbeispiele und die entstehungsgeschichtlich wichtigen Dokumente eines Werks aus dem Besitz des Beethoven-Hauses einsehbar. Der Blick in Dokumente wie eigenhändige Partiturautografe des Komponisten, Kopistenabschriften und Skizzen, Erstausgaben sowie werkbezogene Briefe und bildliche Darstellungen wird durch fundierte Informationen ergänzt. Eine Möglichkeit zum Erwerb des Bildmaterials als digitale Druckvorlage, hochauflösende Datei oder Farbausdruck rundet dieses Angebot ab.
Schubert
Vergleichbare Qualitätsansprüche hat die Seite Schubert-Autographe, die sich der Digitalisierung und Veröffentlichung von Manuskripten Schuberts widmet. Derzeit enthält die Online-Datenbank Reproduktionen von mehr als 500 Notenautografen, Briefen und Dokumenten aus der Musiksammlung sowie der Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus Wien; die Erweiterung dieses Bestands durch Kooperation mit anderen Sammlungen ist für die nähere Zukunft geplant. Auch hier erweist sich als deutlicher Vorzug gegenüber den Archiven die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit viel Material sichten sowie es nach bestimmten Gesichtspunkten ordnen und durchsuchen zu können.
Der Bereich «Notenmanuskripte» vermittelt einen Überblick nach Gattungen, doch ist das in der Datenbank erfasste Material auch alternativ über die Ordnung nach Werktiteln oder die Sortierung nach der Nummer des Deutsch-Verzeichnisses erschlossen. Liedvertonungen sind mit einer vollständigen Wiedergabe der Texte versehen, die sich im Volltext durchsuchen lassen. Analog hierzu sind im Bereich «Briefe» – gleichfalls im Volltext durchsuchbar – die Briefe aufgeführt, die Schubert an Freunde, Verlage oder andere Personen geschrieben hat, während die Rubrik «Andere Materialien» über persönliche Tagebucheintragungen und weitere Dokumente zum Leben des Komponisten informiert.
Alle Manuskriptseiten lassen sich in hervorragender Bildqualität in einer optimierten Arbeitsumgebung Seite für Seite betrachten, ermöglichen überdies Detailansichten bis zu 200 Prozent Vergrößerung und können darüber hinaus mit entsprechenden Werkzeugen gedreht, geschärft und vermessen werden. Auch hier kann der Benutzer zudem digitalisierte Reproduktionen einzelner Seiten, Seitenbereiche, Werkteile oder ganzer Werke in hoher Druckqualität bestellen.
Brahms
Wie diese Institutionen hat schließlich auch das Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck damit begonnen, seine kostbaren Bestände online zu präsentieren. Ziel des Internet-Auftritts ist es, in naher Zukunft die gesamten Archivbestände in digitaler Form – und zwar in für editorische und publizistische Zwecke ausreichender Qualität – zugänglich zu machen. Bislang steht im Bereich «Digitale Bestände» bereits die ikonografische Sammlung sowie der so genannte «Digitale Notenschrank» mit Erstausgaben der Werke von Brahms zur Verfügung. Ersterer, abrufbar über die Rubrik «Ikonographie» und in Bezug auf Johannes Brahms und sein Umfeld zu den bedeutendsten Sammlungen weltweit gehörend, umfasst bislang rund 650 Fotografien verschiedener Formate in hoher Auflösung, die den verlustfreien Abdruck in einem Vielfachen der Originalgröße sowie die detaillierte Darstellung von Bildausschnitten zulässt.
Der Bereich «Notendrucke» erschließt dagegen die weltweit größte Sammlung mit Erst- und Frühdrucken der Brahms’schen Werke. Sämtliche Notenausgaben stehen, zugänglich über ein nach Opuszahlen geordnetes Werkverzeichnis, dem interessierten Benutzer kostenlos zur Verfügung und können über Links am oberen Bildrand durchgeblättert werden. Zwar handelt es sich bei den bislang zugänglichen Daten nur um einen Bruchteil des gesamten Materialbestands, der in konkreter zeitnaher Planung durch Digitalisierung der Musikhandschriften, Briefe und Programmzettel ergänzt werden soll, doch eröffnen sich bereits mit diesem Angebot eine Fülle von Recherche- und Nutzungsmöglichkeiten.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Neuen Zeitschrift für Musik Ausgabe 5/2008.



