«UbuWeb» ist eine Fundgrube für Material aus den Grenzbereichen der Künste
von Stefan Drees
Aufgrund seines 1896 uraufgeführten Theaterstücks Roi Ubu gilt der französische Schriftsteller Alfred Jarry heute als zentraler Wegbereiter für jene Grenzen überschreitenden künstlerischen Umbrüche, die sich später in Dadaismus und Surrealismus manifestiert haben und auf sehr unterschiedliche Weise bis in die Gegenwart wirken. Den Namen von Jarrys Protagonisten haben die Betreiber des Webforums UbuWeb (http://www.ubu.com) daher als Chiffre für eine breite Auseinandersetzung mit den Grenzbereichen der Künste auserkoren: Hier steht jedem Interessenten für den nichtkommerziellen Gebrauch eine vielseitige Auswahl von teils selten erhältlichen oder schwer zugänglichen Ton-, Bild- und Textquellen zur Verfügung, die umfassend eine auch mit Begriffen wie «Fluxus», «Happening», «Aktionskunst», «Performance» oder «Lautpoesie» bezeichnete Kunstproduktion dokumentiert. Eine Breitband-Verbindung zum Internet sollte man allerdings haben, um in den Genuss dieser ständig erweiterten Sammlung zu kommen.
Ton- und Videodokumente
Das mp3-Archiv von UbuWeb, über einen alphabetischen Index der Komponisten, Künstler und Performer erschlossen (www.ubu.com/sound/), enthält zahlreiche wirkliche Schätze, darunter digitalisierte Versionen seltener Schallplatten-Anthologien, Performance-Mitschnitte oder Interviews. Genannt seien hier etwa die Aufzeichnung eines Gesprächs zwischen John Cage und Morton Feldman aus dem Jahr 1967, das BBC-Interview des Reporters Harvey Matusov mit der Cellistin Charlotte Moorman (1969) oder die dokumentarischen Tonaufzeichnungen von Moorman und Nam June Paik – darunter ein Mitschnitt der seinerzeit skandalösen Veranstaltung So langweilig wie möglich (Aachen 1966) und eine Aufführung des Concerto for TV Cello and Video Tapes (1982), bei denen visuelle Informationen jedoch leider fehlen. Daneben gibt es mehrere Kompilationen, so die 1968 beim Label Odyssey erschienene Sammlung Extended Voices (u. a. mit Vokalmusik von Robert Ashley, Alvin Lucier, Morton Feldmann) und die 1995 bei Anthology Records publizierte Fluxus Anthology (u. a. mit Arbeiten von Wolf Vostell, La Monte Young, Joseph Beuys und Nam June Paik), darüber hinaus aber auch Stimmkompositionen wie John Cages Mureau (1970) oder Einzelstücke wie die Ursonate (1922-32) von Kurt Schwitters, die gleich in mehreren sehr unterschiedlichen Interpretationen abrufbar ist.
Neben diesen Tondokumenten bietet UbuWeb in seiner Filmrubrik (www.ubu.com/film/) jede Menge Videos (gleichfalls alphabetisch nach Künstlern gelistet), die zum Teil in recht hoher Auflösung abgespeichert sind, neben QuickTime und RealVideo jedoch weitere Formate beinhalten, so dass zu ihrer Wiedergabe mitunter zusätzliche Software notwendig ist (so der kostenlose und unproblematisch zu installierende VLC-Player für Mac-User). Die enorme Größe vieler Dateien lässt es sinnvoll erscheinen, das Material vor dem Betrachten aus dem Internet auf den heimischen Rechner zu laden, falls die Voraussetzungen dazu – eine schnelle Verbindung und die entsprechende Software wie QuickTime Pro – vorhanden sind. Neben filmhistorischen Höhepunkten wie Ballet Mécanique (1924) von Fernand Léger, Entr’acte (1924) von René Clair (inklusive der Musik von Eric Satie), Anemic Cinema (1926) von Marcel Duchamp oder Un chien andalou (1929) von Luis Buñuel stehen hier eine Reihe von Fluxus-Filmen (z. B. von Nam June Paik, George Maciunas, George Brecht oder Yoko Ono) und Projekte wie Fly (1971) von Yoko Ono oder Television delivers people (1971) von Richard Serra und Carlotta Schoolman zur Auswahl. Filme mit den körperbezogenen Performances des Wiener Aktionisten Otto Muehl, die Cut-up Films (1963-72) des Schriftstellers William S. Burroughs, das Poème électronique (1958) von Edgard Varèse mit den von Le Corbusier konzipierten Filmprojektionen oder auch Dokumente wie eine kuriose Realisierung von John Cages 4’33’’ mit großem Orchester aus dem Jahr 2004 runden das Angebot ab.
Wortkunst und theoretische Reflexion
Hand in Hand mit dem Schwerpunkt der performativen Kunst geht auf UbuWeb die ausführliche Darstellung von Bild- und Printdokumenten aus den Bereichen von Lautpoesie und Wortkunst sowie die theoretische Reflexion poetologischer Entwürfe. In ihrem Wert kaum zu überschätzen ist vor allem der Umstand, dass sämtliche Ausgaben des historisch einflussreichen Magazins Aspen, 1965 bis 1971 von Phyllis Johnson als zukunftsweisende Multimedia-Publikation zu den Künsten veröffentlicht, mit all ihren Text, Klang- und Bildmaterialien zugänglich gemacht werden (www. ubu.com/aspen/). Daneben befasst sich etwa die Rubrik «Conceptual writing» (www.ubu.com/concept/) auf der Basis von Textauszügen oder Abbildungen (z. B. von Samuel Beckett, George Brecht oder John Baldessari) mit der Wechselbeziehung zwischen Visualität und Klangvorstellung, während der Teilbereich «Ethnopoetics» (www.ubu.com/ethno/) Einblicke in die Verschränkung von Performance, Klang, Bild und Text in der künstlerischen Produktion unterschiedlichster Kulturkreise erlaubt. Die theoretische Reflexion der auf UbuWeb vorgestellten künstlerischen Produktion ist schließlich Gegenstand der Rubrik «Papers» (www.ubu.com/papers/), die meist in englischer Sprache so unterschiedliche Texte wie die Annäherung an eine «ethic of improvisation» von Cornelius Cardew (1971), Gerhard Rühms historischen Deutungsversuch der «Wiener Gruppe» (1997), Pierre Schaeffers Text «Solfège de l’objet sonore» (1966) oder den Entwurf einer «Taxonomy of sound poetry» von Dick Higgins beinhaltet.
Positiv ist zuletzt auch die einfache, aber übersichtliche Gestaltung von UbuWeb zu vermerken: Die einzelnen Bereiche sind so untereinander verknüpft, dass sich bestimmte Künstler problemlos in den verschiedensten Rubriken auffinden lassen oder auf andere Dokumente verwiesen wird, und eine einfach zu handhabende Suchfunktion ermöglicht das Durchforsten der Seite nach Stichworten. Zum Einstieg in die Beschäftigung mit performativer Kunst sowie mit ihren historischen Quellen lässt sich kaum ein besseres Forum denken.
Die in diesem Beitrag aufgeführte und weitere Links sind zwecks besserer Zugänglichkeit unter http://www.musikderzeit.de zusammengefasst und finden sich zudem in einem kommentierten Linkverzeichnis auf der Homepage des Autors unter http://www.stefandrees.de/nzfm2006.html



