die begegnung mit dem «anderen»
Links zum Thema «Interkulturalität» im Internet
von Stefan Drees
Kein Thema hat derzeit eine solche Konjunktur über die Grenzen aller Ressorts hinweg wie jenes der Interkulturalität, das im Kontext von Globalisierung ebenso diskutiert wird wie in den Diskursen von Soziologie oder Pädagogik. Die Musik, so könnte man etwas vereinfachend formulieren, hat seit jeher mit interkulturellem Dialogisieren zu tun, auch wenn es in der Vergangenheit dabei weniger um das Gespräch gleichberechtigter Partner denn um die Aneignung des Fremden ging.
Reflexionen und Berichte
Das Verständnis des Anderen durch ein Verstehen der eigenen Geschichte zu ermöglichen: dies ist der Tenor eines Dossiers, das vor nunmehr vier Jahren in der Neuen Musikzeitung (Heft 5/2002, http:// www.nmz.de/nmz/nmz2002/nmz05/index. shtml) zu dem Generalthema «Musik und nationale Identität» eine Reihe von thematisch heterogenen Aufsätzen vereint. Bislang haben diese Essays nichts an Aktualität eingebüßt. So plädiert Martin Hufner etwa im Leitartikel «Identität, Nation und Globalisierung» für eine Verquickung von Geschichte und Gesellschaft im Sinne einer nationalen Identitätsbildung, die jedoch keineswegs einem Nationalismus gleichzusetzen ist. Volker Bendig nähert sich in dem Beitrag «Die unwiderstehliche Macht der Schlüsselreize» dem Problem der nationalen Identitätsfindung in der Musikgeschichte. Reinhard Schulz widmet sich in seinem Essay «Identitäten und die Formen des Klingens» dem Verhältnis von Musik zu geistig-kulturellen Einheiten. Und Matthias R. Entreß setzt sich in dem Aufsatz «Globalisierungs-Bestreben zwischen Eigenart und Melange» mit der Geschichte und der heutigen Situation des Musikschaffens in Korea auseinander.
Entsprechende Diskurse müssen freilich auch im Sinne eines interkulturellen Dialogs die Perspektive der betroffenen Personen selbst einbeziehen. Ein vorbildlicher Versuch, das Leben von ausländischen KünstlerInnen in all seinen Facetten und mit all seinen Problemen und Besonderheiten greifbar zu machen, bietet die Seite foreigner.de (http://www.foreigner.de). Als virtuelle Plattform für das multinationale Zusammentreffen befasst sie sich mit Kunstschaffenden unterschiedlichster Sparten, die in der deutschen Hauptstadt leben und von dort aus ihrer kreativen Arbeit nachgehen, aber auch mit deren spezifischen Problemen im Alltag und den Missverständnissen, denen sie vielfach ausgesetzt sind. Texte und Interviews vermitteln lebendige Einblicke in die Lebensumstände und die Aktivitäten von Künstlern wie etwa der japanischen Komponistin Makiko Nishikaze, des englischen Musikers Alexis Pope oder der japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada. Darüber hinaus werden in Essays und Projektbeschreibungen künstlerische Arbeiten dokumentiert und interpretiert. Die Stärke dieser Seite liegt vor allem darin, dass sie in der gekonnten Mischung aus Eigen- und Fremdkommentaren einen authentischen Einblick in unterschiedlichste Befindlichkeiten und künstlerische Potenziale ermöglicht und dies mit der Möglichkeit einer spannenden Lektüre verbindet. Allein die Systematik der Startseite und die Unterteilung in Rubriken bleibt ein wenig unübersichtlich.
Projekte und Kompositionen
Den Benutzer durch das Wirrwarr interkultureller Angebote jenseits banaler Weltmusik-Events zu leiten ist das Ziel von PortalGlobal (http://www.portalglobal.de/). Es soll als qualifizierter, inhaltlich spezifizierter Zugang zu unterschiedlichen Websites von Einrichtungen im Frankfurter Raum und der Rhein-Main-Region dienen, deren Inhalte zum Bereich interkultureller Arbeit beitragen. Insofern bietet das Portal Organisationen, Instituten, Kulturveranstaltern oder Vereinen, die wichtige Beiträge zu diesem Themenfeld leisten, eine virtuelle Aktionsplattform, die zur Beschreibung und Präsentation längerfristiger Projekte genutzt werden kann. Sie dient aber ebenso als Veranstaltungskalender, der relevante Kulturereignisse aus den Bereichen Film, Konzert, Ausstellungen, Vorträge etc. listet. Zentraler Bestandteil von PortalGlobal soll darüber hinaus eine Künstlerdatenbank werden, die in Wort, Bild und Ton über vorhandene Künstlerangebote informiert und als vermittelnde Instanz zwischen KünstlerInnen und Veranstaltern fungiert.
Das Portal, auch wenn es bislang noch in den Anfängen steckt, verdient aufgrund seiner Vielseitigkeit Aufmerksamkeit und ließe sich durchaus auch als bundesweite Einrichtung für die themen- und qualitätsorientierte Suche nach interkulturellen Projekten und Kulturangeboten denken; denn durch die Einrichtung erhalten die NutzerInnen die Möglichkeit, sich ohne besonders aufwändige Recherchen und Vorkenntnisse rasch Zugang zu zentralen, aktuellen und vielfältigen Informationen der beteiligten Partner zu schaffen. PortalGlobal soll darüber hinaus aber auch als Forum für eigens entwickelte Internetprojekte fungieren. Exemplarisch wird dies durch das bereits bestehende Beispiel Klänge dieser Welt (http://klaenge.musikglobal.de) verdeutlicht: Hier werden Musikinstrumente aus aller Welt systematisch und nach geografischen Regionen vorgestellt. Neben Illustrationen führen zahlreiche Links zu Klangbeispielen und weitergehenden Informationen, die zu einer virtuellen Reise zu den Klängen dieser Welt einlädt. Derzeit geben einzelne Artikel Einblicke in die Welt der Rhythmen und Klänge wie Klezmer, Tango oder Flamenco. Die ausführlichen und kommentierten Links stellen u. a. Museen, Bücher oder Webprojekte zum Thema vor, die Inhalte werden ständig ergänzt.
Vorbildlich in ihrem Informationsgehalt erweist sich die Seite der Isang Yun-Gesellschaft http://www.yun-gesellschaft.de, die über das Schaffen des koreanischen Komponisten Isang Yun informiert. Ausführliche Verzeichnisse (Werkliste, Bibliografie, Filmografie) werden durch eine Einführung in Yuns Schaffen, aber auch durch detaillierte Informationen über die Yun-Gesellschaft und deren vielfältige Aktivitäten (Vorträge, Publikationen, Konzerte) ergänzt. Hier entsteht das Bild einer beispielhafte Pflege von Werk und Nachlass eines Komponisten, der sich immer darum bemüht hat, auf produktive und ästhetisch ansprechende Weise seine kulturellen Wurzeln mit dem mitteleuropäischen Musikdenken zu verbinden. Empfehlenswert ist auch die Website der Komponistin Younghi Pagh-Paan http://www.pagh-paan.com, deren Arbeit gleichfalls im Spannungsfeld zweier Kulturen angesiedelt ist. Neben einem einführenden Porträt von Max Nyffeler finden sich hier u. a. eine Skizze zur Lehrtätigkeit, eine Literaturliste und – sehr positiv zu bemerken – ein Werkverzeichnis, dessen Einträge nach Jahr, Titel, Gattung oder verwendetem Solopart geordnet abgerufen werden können. Schließlich sei auch noch auf die Homepage des Komponisten und Musikwissenschaftlers Christian Utz hingewiesen http://www.christianutz.net: Neben dem üblichen Werkverzeichnis, finden sich hier interessante Texte über seine Musik, darunter auch zum Problem des interkulturellen Komponierens, mit dem Utz sich auch in seinen breit gefächerten wissenschaftlichen Arbeiten zur ethnomusikologischen und musiktheoretischen Forschung befasst.
Die in diesem Beitrag aufgeführte und weitere Links sind zwecks besserer Zugänglichkeit unter http://www.musikderzeit.de zusammengefasst und finden sich zudem in einem kommentierten Linkverzeichnis auf der Homepage des Autors unter http://www.stefandrees.de/nzfm2006.html



