musik auf vier mal vier saiten
streichquartett-formationen im internet
von stefan drees
An Websites von Streichquartetten herrscht im Internet kein Mangel. Entsprechende Seiten sind grundsätzlich immer ähnlich aufgebaut, enthalten gewöhnlich eine kurze Geschichte des Ensembles sowie Abteilungen mit Pressestimmen, Repertoirelisten und Diskografien. Allerdings bleiben Quartette, deren interpretatorisches Interesse über das Standardrepertoire des 18. und 19. Jahrhunderts hinaus auf eine Vermittlung aktueller Musik zielt, immer noch in der Minderzahl.
bezugspunkt gegenwart
Von allen Ensembles, die sich ausschließlich der zeitgenössischen Musik widmen, ist wohl das britische Arditti String Quartet (http://www.ownvoice.com/ardittiquartet/) das prominenteste. Seit Gründung des Ensembles durch den Geiger Irvine Arditti im Jahre 1974 sind mehrere hundert Kompositionen für das Quartett komponiert und von diesem uraufgeführt worden. Die Bandbreite dieses enormen Repertoires ist auf der englischsprachigen Website minutiös dokumentiert und in der Rubrik «Repertoire» über diverse Navigationsbuttons erschlossen, wobei neben Streichquartetten auch Trios, erweiterte Besetzungen und Werke mit Orchester aufgeführt sind. Die Listen sind sehr ausführlich, enthalten neben der jeweiligen Werkdauer auch das Enstehungsjahr, Angaben zur Diskografie sowie gegebenenfalls das Datum der Uraufführung durch die Ardittis. Die gleichfalls detaillierte Diskografie ist in unterschiedlichen Formen zugänglich, untergliedert in alphabetische Listen der Aufnahmen auf CD, auf Vinyl sowie auf häufig nicht im Handel erhältlichen dokumentarischen Mitschnitten, aber auch sortiert nach Label oder als alphabetisches, nach Komponisten geordnetes Gesamtverzeichnis. Darüber hinaus sind die solistischen Aktivitäten des Primarius Irvine Arditti in einem eigenen Bereich der Website gleichfalls akribisch mit Repertoireliste und Diskografie aufgeführt. Bedauerlich ist in
beiden Fällen das vollständige Fehlen von Hörproben; auch eine Suchfunktion wäre aufgrund der detailreichen Informationen für die Seite durchaus angebracht. Als lesenswerte Ergänzung zur Arditti-Homepage sei hier noch das Interpretenporträt genannt, das sich auf der Website Beckmesser.de (http://www.beckmesser.de) in der Rubrik «Interpreten» findet, bestehend aus einem ausführlichen Gespräch Max Nyffelers mit Irvine Arditti sowie aus der Würdigung «Extrembergsteiger der Avantgarde» zum 25-jährigen Bestehen des Ensembles im Jahr 1999.
Auch das US-amerikanische Kronos Quartet (http://kronosquartet.org) erfreut sich großer Popularität, woran die außergewöhnlichen, meist thematisch ausgearbeiteten Programmgestaltungen ebenso Anteil haben wie die Grenzüberschreitungen zur populären Musik, durch die das Ensemble in den achtziger Jahren bekannt geworden ist. Die sehr professionelle, aber auch kommerziell orientierte englischsprachige Homepage der findigen, immer wieder auf modischen Wellen schwimmenden Musiker enthält neben einer Mailinglist einen Online Store, über den die CDs erworben oder alternativ als Download bei apple.com gekauft werden können. Die Vielseitigkeit des Ensembles zeigt sich im Bereich «Projects», in dem u. a. eine abendfüllende szenische Multimedia-Produktion vorgestellt wird, die 2003 zum dreißigjährigen Bestehen des Quartetts konzipiert wurde, um neue Beziehungen zwischen verschiedenen künstlerischen Medien herzustellen. Das Engagement für die zeitgenössische Musik geht auch aus den Informationen zu dem quartetteigenen «Under 30 Project» hervor, das zur Unterstützung junger Komponisten mit Auftragswerken ins Leben gerufen wurde. In der ausführlichen Diskografie (Abteilung «Records») lassen sich die einzelnen Produktionen wahlweise nach Erscheinungsdatum oder alphabetisch nach Titel auflisten. Zu jeder CD gibt es Informationen mit einer detaillierten Auflistung des Inhalts, doch fehlt auch hier eine Suchfunktion, mit der sich gezielt bestimmte Werke oder Komponisten finden ließen.
Zu den spannendsten Ensembles der jüngeren Generation gehört für mich das Kairos Quartett (http://www.kairosquartett.de), das sich seit seiner Gründung 1996 gleichfalls ausschließlich der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts widmet, wobei vor allem richtungsweisende Kompositionen nach 1950 und Uraufführungen im Mittelpunkt stehen. Die Website (in deutscher und englischer Sprache) enthält u. a. eine Repertoireliste mit Angaben zur Dauer der Werke, in der sich auch vereinzelte MP3-Dateien als Hörbeispiele finden; in der Rubrik «Einspielungen» sind neben den CDs auch Rundfunkproduktionen, dokumentarische Mitschnitte und Klanginstallationen aufgelistet.
blick zurück auf die tradition
Eine eigenwillige Verbindung von Klassik und Moderne haben sich die vier Musiker des 1983 gegründeten Modern String Quartet auf die Fahnen geschrieben. Ein Würdigungstext zum zwanzigjährigen Jubliäum des Ensembles auf der zweisprachigen (deutsch/englischen) Website (http://www.modernstringquartet.com) macht deutlich, dass es hier um die Verbindung unterschiedlichster avantgardistischer Musizierformen mit der Tradition, aber auch um das Beschreiten eigener künstlerischer Wege geht. Die Verwendung experimenteller Spielweisen und ausgetüftelter Klangmischungen ist für das Ensemble ebenso wichtig wie die Zusammenarbeit mit Musikern wie dem Saxfonisten Charlie Mariano oder dem Shakuhachi-Spieler John Kaizan Neptune, aber auch wie die Inszenierung von Bühnenauftritten, mit der das lebendige Wechselspiel zwischen Künstlern und Publikum vertieft werden soll. Neben einer Diskografie mit Hörbeispielen im RealPlayer-Format bietet die Website auch den QuickTime-Film the 4 elements of music, der einen kleinen Einblick in die Arbeit des Ensembles erlaubt.
Zu den wichtigen Entdeckungen der jüngsten Zeit gehört sicherlich auch das kanadische Quatuor Bozzini (http://www.quatuorbozzini.ca), dessen bislang zwei CD-Veröffentlichungen sich als äußerst vielversprechend erweisen. Die Titel dieser Produktionen werde in der Diskografie mit kurzen Hörbeispielen im MP3-Format ausführlich dokumentiert. Das Ensemble setzt sich vor allem mit Werken auseinander, die im weitesten Sinne der Minimal music verpflichtet sind, und arbeitet mit Komponisten wie Christian Wolff, Michael Oesterle, Malcolm Goldstein, Tom Johnson oder Jean Lesage zusammen. Doch zeigt die Repertoireliste auf der französisch- und englischsprachigen Website, dass darüber hinaus auch zukunftsweisende Werke der Vergangenheit wie Beethovens späte Quartette oder Kompositionen Bartóks im interpretatorischen Interesse der Musiker liegen.
Das 1988 gegründete Leipziger Streichquartett schließlich, von der Zeitschrift Gramophone als «bestes deutsches Quartett» tituliert, überzeugt neben der Wiedergabe zeitgenössischer Werke durch die Interpretationen klassischer und romantischer Quartette aus der zeitgenössischen Perspektive heraus – eine Sichtweise, die auch daraus resultiert, dass die vier Musiker feste Mitglieder des Leipziger Ensemble Avantgarde sind. Entsprechend dieser weit gefächerten musikalischen Aktivitäten enthält die Repertoireliste auf der deutsch- und englischsprachigen Website (http:// www.leipzigquartet.com) neben zeitgenössischen Kompositionen viele zentrale Werke aus Klassik und Romantik, und in der Diskografie sind auch jene Einspielungen aufgeführt, an denen das Leipziger Streichquartett als Mitglied des Ensemblekollektivs beteiligt war.
Die in diesem Beitrag aufgeführten Links sind zwecks besserer Zugänglichkeit unter http://www.musikderzeit.de zusammengefasst. Ergänzt um weitere ausgewählte Streichquartett-Websites finden sie sich zudem in einem kommentierten Linkverzeichnis auf der Homepage des Autors http://www.stefandrees.de/nzfm2006.html
