«Ebenso hellwach wie zum Disput fähig …»
Helmut Lachenmann im Internet
von Stefan Drees
«Denn es handelt sich bei Helmut Lachenmann um einen Tonsetzer, der nicht nur in seinen Stücken, sondern auch in seinen Schriften stets ein ebenso hellwacher wie zum Disput fähiger und diesem Disput nie ausweichender Zeitgenosse gewesen ist, und der dies, so viel Hoffnung will ich äußern, auch weiterhin sein wird.» Diese Aussage stammt aus einer am 25. August 2005 im Rahmen des Lucerne Festival gehaltenen Laudatio, mit der Christina Weiss, vormals Kulturstaatsministerin im Bundeskanzleramt, die Arbeit des Jubilars Helmut Lachenmann würdigte. Interessant ist es allemal, wie die Politikerin in ihrer kurzen Rede – leicht zu finden über die Suchfunktion auf der Site der Deutschen Bundesregierung (http://www.bundesregierung.de) – Lachenmanns Bemühungen um Kommunikation mit dem Konzertbesucher als zentrales Anliegen seiner Kunst umreißt und damit – den explizit politischen Anspruch seines Kunstschaffens glücklich umschiffend – eines jener Schlagworte benennt, die sich wie ein roter Faden durch die zahlreichen internationalen Festivalschwerpunkte und Geburtstagskonzerte des Jahres 2005 zogen.
kompositionen und werkkommentare
Wer mehr wissen möchte, muss auch tiefer graben. Mehr als einen knappen Grundbestand an Informationen zu Biografie und Werk enthält etwa der Lachenmann-Artikel in der deutschsprachigen Abteilung der Internet-Enzyklopädie Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/lachenmann) derzeit nicht. Fundiertere Online-Informationen bleiben daher auf jeden Fall der Verlagsseite von Breitkopf & Härtel (http://www.breitkopf.de) vorbehalten. Der User muss hier allerdings durch leicht umständlich strukturierte Teilseiten navigieren, die entweder über den alphabetischen Index («Autoren A-Z») oder über die Suchfunktion der Homepage aufgerufen werden können. Das präsentierte Material ist dafür vielfältig: Neben einer ausführlichen Biografie finden sich im Bereich «Essay» Exzerpte aus Lachenmanns Schriften, durch die – quasi im O-Ton – verschiedene zentrale Aspekte seiner Musikanschauung knapp umrissen werden. Der Bereich «Bibliografie» bietet eine reichhaltige Auswahl an Schriften inklusive eines Überblicks über das aktuelle Schrifttum. Am interessantesten ist die alphabetisch geordnete Liste sämtlicher bei Breitkopf verlegter Werke: Der Klick auf den jeder Komposition zugeordneten Infobutton führt zu Einführungstexten und Programmnotizen; genaue Angaben zum Datum der Uraufführung sind hier ebenso zu finden wie Informationen zu überarbeiteten Fassungen, und ergänzt werden die jeweiligen Aufstellungen gegebenenfalls noch durch eine Auflistung von CD-Einspielungen sowie durch bibliografische Angaben. Die Rubrik «Sonstige Werke» nennt schließlich Kompositionen, die von Lachenmann nicht zur Aufführung freigegeben wurden. Alles in allem wird hier also ein rundes Bild vermittelt.
Etwas älteren Datums, aber gleichwohl immer noch sehr informativ ist die Online-Version des vollständigen, Lachenmann gewidmeten Programmbuchs des Festival d’Automne à Paris aus dem Jahr 1993 (http://www.festival-automne.com/public/ ressourc/publicat/1993lach/fset00.htm). Interessante Beiträge, Essays, Gespräche und fundierte Werkkommentare in französischer Sprache geben – ergänzt um ein neueres Porträt von 2001 – einen Einblick in die Rezeption Lachenmanns in den 1990er-Jahren. Interessant ist diese Textsammlung insbesondere, weil sie im Vergleich mit der Gegenwart verdeutlichen kann, welchen Konstanten die öffentliche Wahrnehmung des Komponisten seit den neunziger Jahren unterliegt und welche Aspekte seines Schaffens heute unter veränderten Blickwinkeln betrachtet werden.
weitere einblicke
Ein mehrteiliges Dossier zu Lachenmann findet sich auch auf http://www.beckmesser.de in der Rubrik «Komponisten». Äußerst spannend zu lesen ist hier der Beitrag «Helmut Lachenmann und die Alpensinfonie», ein Gespräch mit dem Komponisten, in dem dieser die auf den ersten Blick ungewöhnlich anmutende Idee begründet, innerhalb eines Konzertprogramms sein Orchesterwerk Ausklang mit der monumentalen Alpensinfonie von Richard Strauss zu konfrontieren. Die von Max Nyffeler verfassten Werkkommentare zum Orchesterstück Schreiben und zur Ensemblekomposition Concertini führen kompetent in zwei der jüngsten Kompositionen Lachenmanns ein. Eine kurze Kolumne mit dem Titel «Brüchig» widmet sich schließlich den zahlreichen Konzertveranstaltungen anlässlich Lachenmanns 70. Geburtstag und benennt ihren Event-Charakter kritisch als ein dem Zeitgeist geschuldetes Phänomen, das nur allzu häufig die gesellschaftspolitischen Anliegen des Komponisten ausblenden möchte.
Wie sich der Blickwinkel in der Betrachtung von Lachenmanns Musik im Laufe der Jahre verändert hat, wird deutlich aus der Gegenüberstellung der eingangs erwähnten Laudatio von Christina Weiss und einem knappen «Porträt» (http://www.musikmph.de/rare_music/composers/f_l/lachenmann_helmt/1.html), das Christoph Schlüren anlässlich der Verleihung des Ernst von Siemens-Musikpreises an Lachenmann im Jahr 1997 für Applaus verfasst hatte.



