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Informative Plattform mit einigen Defiziten

 

Das Forschungsprojekt «Musik und Gender» im Internet

 
Von Stefan Drees
Vor dem Hintergrund des in den USA längst etablierten, in Europa allerdings noch relativ jungen Forschungszweigs der Gender Studies wurde im Mai des vergangenen Jahres die deutschsprachige Internetplattform Musik und Gender im Internet (MuGI) (http://mugi.hfmt-hamburg.de/) eröffnet, ein multimediales Internetforum des gleichnamigen, von Beatrix Borchard an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg geleiteten Forschungsprojekts, das die Forschung zum Thema Frauen- und Geschlechterforschung europaweit bündeln soll. Die Entwicklung dieser begrüßenswerten, auf langjährige Vorarbeiten zurückgehenden digitalen Forschungsplattform ist vor allem von dem Bemühen geleitet, die erheblichen Lücken der deutschsprachigen Musiklexikografie im Hinblick auf das musikalische Wirken von Frauen zu schließen; sie setzt sich jedoch auch für eine Modifikation des herkömmlichen Bilds der Musikgeschichte ein, die nicht als Geschichte von Autoren und Werken, sondern als Geschichte kulturellen Handelns erforscht und dargestellt werden soll, wobei Elemente wie die Einbeziehung von Interpretationsgeschichte, von Formen des Musizierens im privaten oder halböffentlichen Raum sowie der Geschichte von Musikvermittlung und Musikförderung eine zentrale Rolle spielen. Angesichts dieser Aufgabe verstehen die MacherInnen den Internetauftritt vor allem als Kommunikationsplattform, die interessierten WissenschaftlerInnen und MusikerInnen unter exemplarischer Verwendung und wissenschaftlicher Reflexion neuer, an das Medium Internet angepasster Darstellungsformen möglichst viele und vielfältige Informationen bereitstellen und Forschungsimpulse vermitteln soll. [1]
 
Inhaltliche Gestaltung und technische Realisierung
 
Diese hoch gesteckten Ziele versucht die Interplattform durch eine Gliederung in einen Personen- und einen Sachteil gerecht zu werden. Der Personenteil – erschließbar über einen alphabetischen Index, aber auch über ein Zeitraster oder über die Zugehörigkeit von Personen zu bestimmten geografischen Regionen – ist der musikalischen Arbeit von Frauen in Europa von der Antike bis zur Gegenwart gewidmet und erfasst damit einen bis heute in weiten Teilen unerforschten Bereich europäischer Kulturgeschichte. Ganz bewusst wird die Darstellung nicht auf Komponistinnen eingegrenzt, sondern auch auf die Tätigkeit von Interpretinnen, Mäzeninnen oder Initiatorinnen musikalischer Salons ausgedehnt. Die entsprechenden, alphabetisch geordneten Grundseiten bündeln in lexikalischer Form Forschungsergebnisse zu den erfassten Personen, indem sie Informationen zu deren Biografie, aber auch Details zu Werk oder Repertoire mit einer Würdigung verknüpfen, liefern daneben aber auch Einblicke in wichtige Quellen, in den Stand der Forschung und in die bisherige Literatur. Über diese Textbeiträge hinaus steht dem Benutzer gegebenenfalls auch der Zugriff auf Bildmaterialien, Notenbeispiele, Klangdateien und kommentierte Links zu anderen Quellen im Internet zur Verfügung; ergänzend hierzu sollen die lexikalischen Informationen vermittels multimedialer Darstellungen ergänzt werden, was bislang etwa im Zusammenhang mit einigen zeitgenössischen Klangkünstlerinnen – und durchaus noch nicht überzeugend – realisiert wurde.
Auch wenn sich der bislang erfasste Bestand an Musikerinnen als eher lückenhaft erweist und auch die Kriterien dieser Basisauswahl nicht klar werden, ist das Ergebnis spannend und lehrreich. Die meist umfassenden Infomationen zu Frauen wie etwa Gitta Alpár, Louise Farrenc oder Vally Weigl verdeutlichen, wie weit das Spektrum an Informationen ist, das man hier letztlich präsentieren möchte; Einträge zu zeitgenössischen Musikerinnen wie Adriana Hölszky oder Christina Kubisch machen jedoch auch klar, dass die lexikalischen Grundinformationen stellenweise noch völlig unzureichend sind und eine Internetsuche über Google wesentlich mehr Details an den Tag bringt als die Befragung der Internetplattform. Dies gilt leider auch für die Themen des Sachteils, in dem es eigentlich um die wesentlichen Aspekte der Genderforschung gehen soll: Da er erst im Aufbau begriffen ist, beschränken sie sich bislang auf wenige Dokumente, die noch keine Aussage über die wissenschaftliche Relevanz zulassen, mit ihrer Untergliederung in verschiedene thematische Bereiche – etwa «Lied», «Mediale Repräsentation», «Musiksoziologie», «Musikwissenschaft und Gender» oder «Weiblichkeitsbilder» – aber zumindest erahnen lassen, wie die Differenzierung in Zukunft weiter erfolgen könnte.
Entsprechend der inhaltlichen Ausrichtung kann sich auch die technische Realisierung dieses ambitionierten Projekts sehen lassen: Die Plattform kommt mit einem schnörkellos funktionalen Design daher und wurde mit einer sehr leicht zu durchschauenden Navigation ausgestattet, die ganz auf die Bedürfnisse des Benutzers zugeschnitten ist. Die Einbindung von Grafik- und Audiodateien, die einen Browser neuester Art und entsprechende Plugins erfordert, ist vorbildlich gestaltet und könnte insbesondere im Hinblick auf die Darstellung multimedialer Projekte – mit ihrer Einbindung von Ton und Bild – für andere wissenschaftliche Internetseiten zukunftweisend sein.
 
Kritische Fragen
 
Dennoch lässt das Projekt auch einige kritische Fragen aufkommen: Während die Beschränkung der Personenauswahl auf den geografischen Raum Europa einleuchtet, ist die Ausgrenzung der gesamten Popularmusik kaum verständlich. Dass man dieses Problem aus dem Weg räumt, indem man erklärt, aus «pragmatischen Gründen» könnten nur Musikerinnen aus dem Bereich der «Kunstmusik» berücksichtigt werden, entpuppt sich angesichts des Beharrens auf einer längst obsolet gewordenen Auffassung von Kunstmusik «als historische ‹klassische› bzw. zeitgenössische Musik» – die im Übrigen auch bezüglich der Salonmusik des 19. Jahrhunderts schwer aufrecht erhalten werden kann – sowie im Hinblick auf zeitgenössische Künstlerinnen, deren Arbeit gerade aus der Bewegung zwischen allen Genres Profil gewinnt, als Signum eines Festhaltens an gerade jenen Beschreibungskategorien, deren Hinterfragung sich die jüngere Forschung eigentlich auf die Fahnen geschrieben hat.
Problematisch sind auch die mitunter ausgrenzenden Darstellungen im Lexikonteil, die bei der Lektüre einiger lexikalischer Einträge auffallen: So birgt das Kapitel über Hildegard von Bingen zwar eine eindrucksvolle Fülle an Material und bibliografischen Verweisen; doch fehlt jeglicher Hinweis auf die – von den glühenden Apologeten häufig belächelte, aber im Hinblick auf den historischen Kontext durchaus ernst zu nehmende – These, Hildegards beispiellose «Andersheit» könne damit erklärt werden, dass sie eine schlechte Amateurkomponistin gewesen sei, die die musikalischen Normen ihrer Zeit nicht gezielt überwunden, sondern schlichtweg nicht beherrscht hat. Und auch im umfassenden Eintrag zu Alma Mahler klammert die Bibliografie einen wesentlichen Aspekt der Persönlichkeit – den der Inspirationsquelle, Lebens- oder Gesprächspartnerin für Künstler wie Gustav Mahler, Alban Berg, Alexander von Zemlinsky, Oskar Kokoschka, Walter Gropius oder Franz Werfel – dezidiert aus, anstatt ihn exemplarisch zumindest anhand weniger Beispiele zu belegen, was selbst im Rahmen einer wissenschaftlichen Seminararbeit selbstverständlich gewesen wäre. Hinzu kommt, dass die historischen Kontexte auch ansonsten stark vernachlässigt werden, obgleich sie zum Erfassen einer Geschichte kulturellen Handelns unverzichtbar sind.
Am gravierendsten erscheint mir jedoch, dass in den lexikalischen Artikeln ästhetischen Fragestellungen weitgehend ausgewichen wird. Etwas polemisch formuliert bedeutet dies: Der Tatsache, dass eine Person mit künstlerischen Leistungen in Verbindung zu bringen ist, wird mehr Bedeutung eingeräumt als der Frage, wie diese Leistungen in ihrem historischen und sozialen Kontext ästhetisch zu bewerten sind. Ganz im Sinne der gern bemühten political correctness unserer Zeit (hinter deren Deckmäntelchen sich erfahrungsgemäß ideologisierende Denkstrukturen hervorragend verbergen lassen) wird die wissenschaftliche Auseinandersetzung dadurch von der Bedeutung des künstlerischen Gegenstands abgelenkt – was angesichts der Tatsache, dass jede Art der Auseinandersetzung mit Kunst sich auch mit ästhetischen Diskursen beschäftigen muss und dies nicht durch Ausflüge in Kultur- oder Sozialwissenschaften ersetzen kann, leider ein großes Manko der Plattform ist. Die MacherInnen von MuGI betreten hier ein stark schwankendes Terrain, und es bleibt zu hoffen, dass diese Haltung in Zukunft korrigiert wird.  
 
 
[1] Ausführliche Informationen zu den Hintergründen und Anliegen des Projekts sowie eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Bereiche finden sich auf der Website in der Rubrik «Projekt»; unter dem Link http://62.109.89.67/webcast/archiv/mugi_vortrag.html lässt sich zudem die Eröffnungsveranstaltung der Plattform vom 27. Mai 2004 als Stream abrufen.
 
Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zeitschrift für Musik, Ausgabe 02/2005

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