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rezension


Scodanibbio, Stefano

Oltracuidansa für Kontrabass und 8-Kanal-Tonband

Interpret: Stefano Scodanibbio, Kontrabass
Verlag/Label: mode 225
Rubrik: CDs
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 02/2011, Seite 89


Musikalische Wertung: 4
Technische Wertung: 5
Repertoirewert: 4
Booklet: 4
Gesamtwertung: 4

In seinem rund einstündigen Werk Oltracuidansa geht Stefano Scodanibbio der Frage nach: Was ist die Sprache des Kontrabasses? Er erkundet, mit Gilles Deleuze gesprochen, «La Voice» und nicht die vielfältig ausdifferenzierbaren Sprachen («languages») des Instruments. Die Idee zu dem Stück, dessen erste Skizzen in das Jahr 1996 zurückreichen, kam Scodanibbio, als ihm der italienische Philosoph Giorgio Agamben einen Text mit dem Titel La fine del pensiero (Das Ende der Gedanken) gab, dessen fundamentales Konzept – Stimme, Gedanke, Sprache – auch auf die Musik übertragbar ist.
Nun muss der Rezipient und Rezensent der Musik nicht zwangsläufig den Gedanken des Schöpfers folgen, die ihn zu seinem Werk inspiriert haben, er darf und sollte vielmehr eigene Wege gehen, um das Kunstwerk zu erschließen und für andere in Worte zu fassen. In diesem Sinne ist der philosophische Überbau zu Oltracuidansa (die verschlungene Etymologie dieses Kunstworts zu rekonstruieren würde hier zu weit führen, sie kann im Booklet nachgelesen werden) nur produktionsästhetisch, nicht rezeptionsästhetisch von Belang. In einem Punkt kann aber eine Koin­zidenz festgestellt werden: Oltracuidansa gräbt Scodanibbio zufolge in den «Gedärmen» des Instruments und offenbart mit seinen unorthodoxen Techniken in punkto Bogenführung, Pizzicato, rechte und linke Hand etc. die animalischen Seiten des Kontrabasses. Man kann einen Schritt weitergehen und behaupten, das Werk enthüllt die atavistischen und – im doppelten Sinne – dunklen Töne des Instruments. Um nochmals mit Deleuze und im Vokabular des Poststrukturalismus zu sprechen: Oltracuidansa ist eine stark archaisierende, über weite Strecken durchaus in den Bann ziehende sinnlich-akustische Textur, die nicht auf das Ereignis interessanter Effekte, sondern mehr auf das rhizomatische Wuchern als solchem zielt.
Es gehört zum Wesen von Texturen, dass sie prinzipiell offen und unabschließbar sind, kein Anfang und kein Ende kennen und (im Sinne der Chaostheorie) selbstähnlich sind. Wie die «strange attractors» ziehen sie in den Bann. In diesem Sinne breitet sich auch Oltracuidansa aus, ohne dabei je zu einer Form, einer Gestalt zu gerinnen. Trotzdem wäre die Bezeichnung «Geräuschcollage» für Oltracuidansa denkbar unangemessen, auch wenn der Musik basale Strukturelemente wie Melodie und Rhythmus fehlen und sich diese wenn überhaupt nur ephemer ereignen.
Dass der psychedelisch-archaische Trip zumindest in der ersten halben Stunde zu fesseln vermag (dann beginnen sich die Klänge zu wiederholen), liegt vor allem daran, dass Oltracuidansa im Einklang mit Atmung, Puls und Herzfrequenz komponiert wurde und damit – bei aller «Wildheit» – etwas zutiefst Menschliches bewahrt, das in nicht wenigen Werken der emphatischen Avantgarde einem problematischen Fortschritts- und Materialgedanken geopfert wurde.

Burkhard Schäfer




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