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rezension


Muenz, Harald

nearly – fast

Interpret: Ensemble Mosaik
Verlag/Label: Coviello Contemporary COV 61117
Rubrik: CDs
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 02/2012, Seite 81


Musikalische Wertung: 4
Technische Wertung: 5
Booklet: 4

Vielleicht ist Harald Muenz kein Komponist im emphatischen Sinne. Vielleicht ist er doch eher ein Klangforscher, zu dem die Emphase des auftrumpfenden Tonsetzers ebenso wenig passt wie eine «Meisterwerk-Ästhetik». Der einleitende, unsichere Konjunktiv hat Gründe: Schwerlich ist Muenz' an Facetten so reiche Musik auf einen Nenner zu bringen. Leichter fällt die Beschreibung des Schaffensprozesses. Klare Versuchsanordnungen liegen jedem der fünf Werke zugrunde, deren herausragende Aufnahmen aus dem Hause des Hessischen Rundfunks stam­men und die beim weithin unbekannten Darmstädter Label Coviello Contemporary publiziert sind.
Ein «>>schönes klavierstück<<» aus dem Jahr 2006: isolierte Ereignisse, flüchtige Gestalten, mal ein ungebremstes Ausklingen der Akkorde, mal durch stumm gedrückte Tasten ein leisestes Nachhallen in eine abrupt eintretende Stille hinein, der offenbar die Konsequenz nicht liegt. Der ernste Tonfall will nicht so richtig zum Titel passen, der in offenbar ironischer Brechung auf Adornos Schöne Stellen verweist. Gänzlich konträr zu dieser Studie beschäftigt sich Muenz in «fein… auflösend» für Flöte, Klarinette, Cello und Klavier (2010/11) mit Weihnachtsliedern – ein erfrischend direktes Medley, das Muenz als sein «unbeschwertestes Stück aus den letzten Jahren» bezeichnet. Hoquetus-artige Verläufe kommen immer wieder zum Vorschein, allerdings ohne die oftmals unmanipulierten Weihnachtslieder-Zitate stark zu verfremden.
Dass Muenz nicht der Versuchung erliegt, aus einfachen Grundlagen etwas gewaltsam zu erzwingen, das zeigt auch sein Umgang mit initialen Werkideen. «nearly – fast» für Klarinette, Marimbafon und Klavier (2008) ist aus einem Kompositionsauftrag entstanden für ein Gedenkkonzert anlässlich Karlheinz Stock­hausens Tod. Ausgehend von Stockhausens «Kreuzspiel» komponiert Muenz das nicht nur der Musik bekannte Spiel mit Nähe und Distanz aus. Drei Instrumente spielen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, nähern sich jedoch immer wieder an und treffen sich an einigen Stellen, um etwas Gemeinsames zu erzeugen. Rationales Kalkül teilt sich wieder einmal ganz unmittelbar mit – in einer sowohl technisch wie interpretatorisch wundervoll transparenten Einspielung mit fantastischen Tiefenwirkungen.
Stefan Fricke beschreibt in seinem einleitenden Booklet-Text die Muenz’­schen Klänge als eine «dem Leben zugewandte Musik». Tatsächlich weckt nearly – fast Sympathie. Ob die CD längerfristige Spuren hinterlassen wird, bleibt am Ende fraglich – ebenso fraglich, ob das heutzutage noch der Sinn von Kunst sein kann, muss oder sollte.

Torsten Möller




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